Texte aus dem Programm «ich bin nicht du»

von Nora Gomringer

 

 

Drei Männer habe ich geküsst


Drei Männer habe ich geküsst,
zehn hätte ich gerne geküsst.
In den entscheidenden Momenten allerdings
war es nicht möglich, tröste ich mich billig.
Schade dass diese Männer bereits fort sind,
in entfernten Orten, an Meeren, die zu wenig
Wasser führen als dass ich zu ihnen segeln könnte,
in Ländern, deren Sprachen zu fremd sind und deren
Mauern zu hoch gebaut worden sind,
in Elfenbeintürmen, zu denen nur Mütter noch
Zutritt erhalten.
Alle Männer sind schon fort mit meinen Küssen.
Ich tröste mich billig mit den andren, die kommen
und wieder fort sein werden.

 

 

Frau ohne Glück zwischen den Beinen


Zwischen den Gehirnhälften
Zwischen den Zeilen
Frau ohne Ring am Finger
Ohne Schwiegereltern
Ohne Schwiegereltern über das kleine Bett gebeugt
Ohne Schwiegereltern über das kleine Bett gebeugt
und ein Kind ansprechend
Ohne rote Lippen
Ohne glatte Haut an den Händen, den Brüsten und Füssen
Frau ohne Süsse und ohne Säure
Frau ohne Zopf und ohne Glanz und ohne Babygeruch
Frau ohne Morgenmantel
Frau ohne Vertrag
Frau ohne Festanstellung
Frau eines Mannes ohne Zukunft
Frau ohne Mann
Frau ohne Mann einer Freundin
Frau ohne Herz, ohne Nieren, ohne Visa
Frau ohne Klitoris
Dildogerät, Stimmung, Orgasmus
Frau mit Wunsch nach Ruhe und Frieden
Zwischen den Brauen, den Brüsten
Frau ohne Aussichten mit wenig Dioptrien

 

 

Hab vergessen


Zu benennen wie die Strassen
Die Dinger auf denen die Tassen
Im Regal dort hinten in der Auffahrt
Steh ich nackt
Die Haare offen trag ich deinen Ring.
Kommt ein Mann täglich
Wie ein, wie heissen die
Will mich Kindlein wiegen
Streichelt über meine Wangen, denk ich
Mörder, du, Dieb, Sie, lassen Sie das
Bitte weitermachen, unablässig
Riech ich nach Arnika, alte Frau
Rufen sie mir zu, ich frage sie,
wen, meint ihr damit
Steh ich nackt in der Auffahrt
Hab vergessen

 

 

Tanz


Eine Art Drehung
Auf dieser Fläche
Ein Faltenwurf
Ein Knarren von Holz
Eine Beuge, der Takt
Lose beginnt man
Nähert sich dem Morgen
Auf weissem Parkett

 

 

Und er zog sich aus


Und er zog sich aus
Und er zog sie an
Und er zog sie aus
Und sie zog ihn an
Und sie wiegten sich hin
Und er wiegte sie her
Und er trug sie fort
Und es trug ihn weit
Und er hielt sich fest
Und sie spannte sich an
Und er zog an ihr
Und sie schnellte vorbei
Und er versuchte ein Wort
Und sie rannte davon
Und er träumte manchmal
Und es ging mit ihm durch
Und sie ging dort weit fort
Und er verlor ihre Spur
Und er zog sich an
Und sie zog sich an
Und sie schrieb einen Brief
Und sie hielt ihn fest
Und er wählte die Nummer
Und sie schwieg lange Zeit
Und er riet zur Begegnung
Und sie vergass den Tag
Und er sah sie nicht
Und er stieg in den Bus
Und sie stand vor der Tür
Und er hielt sich nicht fest
Und sie verlor jeden Halt
Und es war Tag
Und es wurde Nacht
Und er zog sich aus
Und sie zog sich aus
Und er las im Bett
Und sie küsste das Bild
Und sie sah sich im Spiegel
Und es war ihr kalt
Und er schaltete aus
Und er war allein
Und sie war nicht dort
Und er versuchte ein Wort
Und sie rannte davon
Und er träumte manchmal
Und er versuchte ein Wort
Und sie rannte davon
Und er träumte manchmal

 

 

Wenn der Frühling


Wenn der Frühling
uns einblüht
und wir fast wie
Gräser sind,
werden wir,
du und ich, Geliebter,
Eintagsfliegen,
deren Flügel schillern
für kurze Zeit.

 

 

Wer trägt die Schuld


Wer trägt die Schuld?
Und wo trägt er sie hin?
Hat er sie erst fangen müssen?
Wir er sie fallen lassen?
Wird sie entweichen?
Welche Farbe hat die Schuld?
Schlägt sie Wellen im Teich?
Trägt sie alte Schuhe?
Und wer wird sie weitertragen?